Biographie
Walter Thomas Heyn
geboren 1953 in Görlitz.
Studium an der Leipziger Hochschule für Musik "Felix Mendelssohn-Bartoldy", u. a. Gitarre bei Roland Zimmer, Komposition bei Prof. Siegfried Thiele, danach Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin bei Prof. Siegfried Matthus, zugleich an der Leipziger Musikhochschule Oberassistent für Tonsatz.
Seit 1988 ist Heyn freier Autor.
 
 
Preise
1978 / 80 Mendelssohn-Stipendiat des Ministeriums für Kultur,
1987 Hanns-Eisler-Preis ( für "3 Jiddische Gesänge") ,
1991 / 93 Stipendiat der Körber-Stiftung Hamburg
(für die Oper "Die Bakchen des Euripides")
 
 
Aktuelles
Zahlreiche CD-Veröffentlichungen auf div. Labels, Auftragwerke (u. a. für das Rachmaninow-Quartett und die Schostakowitsch-Gesellschaft), Rundfunkproduktionen mit dem DLF, MDR und dem SFB (Auswahl).
Derzeit verstärkt Theaterproduktionen sowie Gastspiele mit dem Kammerorchester "OPUS".
Div. Workshops und Seminare über das "Abenteuer Komposition"
 
 
 
 
Walter Thomas Heyn, geboren am 14. November 1953 in Görlitz, war zunächst musikalischer Autodidakt. Vierzehnjährig brachte er sich das Gitarrenspiel bei und musizierte in Singeklubs wie Tanzkapellen. 1974 - 1980 studierte er an der Hochschule für Musik "Felix Mendelssohn-Bartholdy" in Leipzig Gitarre bei Thomas Buhè und Roland Zimmer, Arrangement bei Gerd Schlotter und Komposition bei Carlernst Ortwein. Letzterer vermittelte ihn 1976 in die Kompositionsklasse von Siegfried Thiele, dem Heyn handwerkliches Können und erste musikästhetische Anschauungen verdankt. Als sich Heyn, seinem Interesse für Oper folgend, 1981 bei Siegfried Matthus um ergänzende Studien bewarb, nahm ihn dieser für zwei Jahre als Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR an. Parallel dazu unterrichtete Heyn bereits als Oberassistent für Tonsatz an der Leipziger Musikhochschule. Wesentliche Anregungen erhielt der junge Komponist bei Werk-Diskussionen im Leipziger Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler sowie an den Uraufführungsabenden des Deutschen Verlages für Musik Leipzig. Heyn arbeitete seit 1988 freischaffend. 1989 erschien sein Handbuch für Gitarristen unter dem Titel "Gitarren-Harmonik" im Harth Musik Verlag Leipzig. Der Gitarrist Heyn hatte keine Gitarrenschule und keine Grifftabellen geschrieben, vielmehr sollten die spezifischen Möglichkeiten des Instruments dargestellt werden: "harmonische Strukturen, die aus den grifftechnischen Bedingungen, der Zahl und Anordnung der Saiten und aus den für die Gitarre gültigen akustischen Gesetzmäßigkeiten resultieren." Die Publikation fasste tägliche Praxis des Gitarre spielenden Komponisten zusammen, der neben unterschiedlich besetzten Konzertstücken und erfolgreichen Musiktheateraufführungen eine Vielzahl an Songs für Liedermacher komponierte oder arrangierte. Praktisch musizierte er als Liedbegleiter oder Kammermusiker und war im Leipziger Gewandhaus als Komponist der von Kurt Masur uraufgeführten Werke Concerto grosso I (für Violine, Oboe, Klarinette, Fagott, Vibraphon und großes Orchester , 1984) und Concerto grosso II (für 2 Violinen und Orchester, 1987) ebenso zu Hause wie auf Kleinkunstbühnen. Noch Mitte der 80er Jahre ging Heyn mit einem privaten Kammermusiktheater in die freie Szene, um unabhängig vom generalregierten Leipziger Theaterbetrieb eigene Stücke und die Gleichgesinnter aufführen lassen zu können. Heyn hatte 1989 gerade Kompositionsaufträge von drei Theatern erhalten, als die Wende - auch von ihm selbst durch die Vertonung aufrüttelnder Texte provoziert - eine völlige Neuorientierung von Personen und Strukturen mit sich brachte. Der Komponist Heyn zog 1991 nach Berlin und baute sich ein zweites Standbein als Verleger auf - er erwarb für einen symbolischen Preis den "Verlag Neue Musik Berlin." 1991 bis 1999 arbeitete er als Cheflektor im eigenen Verlag, dessen umfangreicher Bestand an Kompositionen aus der DDR-Zeit in den AMA-Verlag überging. Mit einem kleinen, eigenen Klassik-Label in Berlin-Kreuzberg versuchte Heyn sich als Produzent und hielt zahlreiche Künstlerkontakte über die Wendezeit hinweg. Der seither wieder freischaffende Komponist sorgt unermüdlich für Ensemblegründungen (u.a. Theatergruppe "Offenbach" e.V. mit Aufführungen im Saalbau Neukölln, "Opus Kammerorchester Berlin", "Quintetto con brio") und bringt sich durch eigene Kammermusikprogramme sowie selbst organisierte Konzerttourneen mit osteuropäischen Ensembles in das Konzertleben ein. "Parodien á la Klassik", eine alte Leipziger Idee, konzipiert und musikalisch geleitet von Heyn, bieten amüsante und geistvolle Auseinandersetzungen mit musikalischer Tradition im Konzertsaal.
 
Walter Thomas Heyn gehörte in der Umbruchzeit 1990/1991 dem letzten, demokratisch gewählten Präsidium des Komponistenverbandes der DDR an und ist seit (1994) Vorsitzender des Vereins der Komponisten und Musikwissenschaftler (VKM e.V.). Er erhielt mehrfach Auszeichnungen, u.a. 1978/1980 ein Mendelssohn-Stipendium des Ministeriums für Kultur, 1987 den Hanns-Eisler-Preis für 3 Jiddische Gesänge, 1991 bis 1993 komponierte er als Stipendiat der Körber-Stiftung Hamburg die noch nicht uraufgeführte Oper Die Bakchen des Euripides (1989-1992).
 
Walter Thomas Heyn folgte anfangs seiner Neigung zur Oper, zu Theatermusiken und Liedern. Seine ersten Kompositionen waren Lieder, und bis heute fasziniert ihn die Charakterisierungskunst der singenden Stimme ebenso wie die musikalisch pointierte Hinterfragung von Text. Mit Vier aphoristischen Liedern auf Texte der Anna Achmatowa (1980) für Mezzosopran und Gitarre (später als op. 1 beziffert) und einer eigenwilligen Schumann-Aneignung Träumerei und Jazz-Toccata (1982) für Klaviersolo machte Heyn durch ein Komponistenporträt der Akademie der Künste schlagartig auf sich aufmerksam.
Als "Elektrogewitter" bezeichnete die Leipziger Presse Heyns "Verlautbarung" für zwei E-Gitarren und Klavier (1982) und in den wirkungsvoll dialogisierenden "Drei Monologen für Gitarre" (E-Gitarre, 1982; Teile 1,3 und 5 notiert, 2 und 4 improviesiert nach verbalen Anweisungen) erwies er sich als geschickter Dramaturg. Kalkulierte Intervallbeziehungen und Rhythmuswerte, aber auch musikantisch-spielerischer Gestus zeichneten die nach eigenem harmonischen System strebenden Kompositionen aus. Heyn braucht die Kontraste, setzt die Liebeslyrik in "Fünft Liebeslieder nach Texten von Andreas Reimann" (1983) soziale DDR-Realität im 5. Lied mit einem Text zu Wolfgang Mattheuers Ölgemälde "Die Ausgezeichnete" entgegen. Der aktuell-krititsche, zuweilen auch sarkastisch-zynische Umgang mit gesellschaftlichen Missständen wurde zu einem Markenzeichen für Heyns textgebundene Kompositionen. Anregungen ganz anderer Art nutzte Heyn für seine 5 Chorsätze nach Luthermelodien für großen Chor a cappella (1983) auf Vokalisen, Luther-Chorälen nachempfunden. - die Sätze "Prosodie" (großer Chor bis 24stimmig, unter Verwendung des Textes "Aus tiefer Not schrei ich zu dir"), eine "Polyphonie" (großer Chor und Kinderchor, 4- bis 7stimmig) und die "Antiphonie" (großer Chor, 6stimmig: Kinderchor, 4stimmig, 4 Solisten). Satztechnik und Stimmführung dieser Chöre verraten den Kenner der Polyphonie, der sich - angeregt vom Bach-Jahr 1985 - vier Mal dem Concerto grosso (1984, 1987) in unterschiedlichen Besetzungen zuwandte. Dennoch entsprechen textgebundene Kompositionen am ehesten dem Aussagewillen Heyn. Das Oratorium "Auf der Haut der Trommel" für Sopran-Solo, Chor und großes Orchester nach Texten von Agostinho Neto (1983) bezieht leidenschaftlich Stellung im afrikanischen Befreiungskampf, idealisiert in expressiven Orchesterfarben. Parallel dazu schrieb Heyn gemeinsam mit dem Librettisten Ralph Oehme szenische Musiken wie die Kammeroper Marsyas (1986), Ich ist ein Anderer. Rimbaud (1987) für die Leipziger Gruppe neue Musik "Hanns Eisler" (9 Spieler, Schauspieler, Sängerin, Pantomimin) und Abenteuer Experanza (1988) als Spektakel mit Musik, Piraten und Gespenstern für Kinder. Krischans Ende - 7 Bilder aus dem Biedermeier (1990) nach Thomas Valentins Roman über die letzten Tage des Dichters Christian Dietrich Grabbe, in Stralsund 1988 uraufgeführt, stellte die entscheidende Frage nach der Ausreise: Ziegler, gerade aus Amerika heimgekehrt und Krischan (Grabbe), in der Kleinstadt geblieben, diskutieren "Gehen oder bleiben, Angst oder Mut, Schrein oder Schweigen, wer weiß, was er tut" (3. Szene 2. Fassung) und "...wer weggeht, sieht zu". Die jeweilige Lebensalternative bleibt im Künstlerdrama spiegelbildartig gleich. Der Opernerstling geht respektlos mit Formen, Zitaten und Techniken um, Volks- und Revolutionslieder, Choräle, Opernklischees und Dodekaphones finden sich zeitlos nebeneinander. Im Theater Plauen wurde das Stück im Frühjahr 1989 nach zwei Aufführungen abgesetzt - das Bühnenbild nahm mit Grabbes Reiseroute nach Detmold die offene deutsch-deutsche Grenze voraus. Nach 1989 komponierte Heyn Kammermusiken, vorerst im kleinen Kreis aufgeführt. Andreas Reimann, der nicht aufgehört hatte, kritische Texte zu schreiben, inspirierte ihn wieder zu Liedern (über 80 Lieder nach Reimann-Texten und Leipziger Legende für 4 Solisten, Chor und großes Orchester, 2002). Nachdenken über Deutschland führte den Komponisten auch zu Texten von Heinrich Heine. Der Liedzyklus "Lebensgruß" (1997) vereint 10 Lieder für tiefe Stimme und Gitarre, komponiert für die Chanson- und Liedsängerin Barbara Kellerbauer. Heyns Musik dient dem Text nicht ohne Eigenleben, mischt Populäres und Traditionsreiches, immer sparsam auf das Wesentliche beschränkt, auch mittels musikalischer Reminiszenzen an Schubert und Eisler. Bühnen- und Orchestermusik, Kammermusik für Bläser, Gitarren, Harfe, Orgel speziell für Jugendorchester (Five Ghost Tracks, (1995) und Musik für Kinder ergeben ein Werkverzeichnis mit gut 100 Opus-Nummern.
 
Seit 1994 konzentriert sich Heyns kompositorische Arbeit neben Gitarren-Kammermusik und Sinfonik auf "Literatur-Musik" (Heyn): Die 6 maurischen Lieder nach Texten von Goethe für Bariton und Klavier (2001) kreisen um Ideen der freimaurerischen Gedankenwelt (wie auch Silicernium für Stimme allein, 2001, Trauerloge für die Opfer von New York vom 11.9.2001 und Maurische Festmusik für 2 Trompeten und Posaune, 2002). Ein zweiter Literaturkreis führt von Heine aus (u.a. Liedzyklus Lebensgruß 1997, 10 Lieder für tiefe Stimme und Gitarre, komponiert für die Chanson- und Liedsängerin Barbara Kellerbauer) bis zu Opern-Parodien.
 
Heyns Musik dient dem Text nicht ohne Eigenleben, mischt Populäres und Traditionsreiches, immer sparsam auf das Wesentliche beschränkt, auch mittels musikalischer Reminiszenzen an Schubert und Eisler. Bühnen- und Orchestermusik, Kammermusik für Bläser, Gitarren, Harfe, Orgel speziell für Jugendorchester (Five Ghost Tracks, 1995) und Musik für Kinder ergeben ein Werkverzeichnis mit gut 100 Opus-Nummern. Die zusätzliche Vielzahl an Bearbeitungen musikgeschichtlicher Meisterwerke (Bach, Mussorgski, Monteverdi, Schostakowitsch) zeigt Heyn in bruchloser Nachfolge auf heutigem kompositionstechnischen Niveau, immer stilsicher und schalkhaft zugleich in alter Zeit weiterkomponierend und den aktuellen Kontrast hinzusetzend. Beispiele hierfür sind die Orgeltrios Antiphonarium I (1994) und Antiphonarium II (1996) nach Melodien von Martin Luther, die Rekonstruktion der in Vergessenheit geratenen Opera comique "Kassander oder das sprechende Bildnis" (2000/2001) von André Ernest Modeste Grétry mit neu hinzukomponierten Gesangsnummern oder Traumbild (alla Tiento unter Verwendung des königlichen Themas (1991), eine Hommage an Johann Sebastian Bach als Traum - und Abbild im Auftrag des Rheinischen Bach-Collegiums.
 
 
 
 
 
Vorab-Veröffentlichung
aus dem Handbuch "Komponisten der Gegenwart"
Autorin: Dr. Ulrike Liedke